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Frank
Möbus
Projekte
Der Rote Bereich
Carlos Bica's Azul
Erdmann 2000
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Konrad Heidkamp
in: DIE ZEIT,
1. März 2001
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Verzinkte Hunde im Jazzformat
Für
viele war es Liebe auf den dritten Blick. Zuerst wg. Ernst, dann
Humor und zuletzt mit todernstem Vergnügen. Ein bisschen verloren
stehen die drei im ausverkauften Rolf Liebermann Saal des NDR, zupfen
an Schlagzeug, Bassklarinette und Gitarre herum, starten beherzt
im freien Jazz-Gestus. Ah - Avantgarde á l'Ornette Coleman,
denkt man und liegt schräg daneben. Ein leichtes Schweben plötzlich,
lyrische Klänge, die voreinander den Hut zu ziehen scheinen.
Ah, kaum hat man sich an die drei gewöhnt, ist man schon verloren.
Frank Möbus, Rudi Mahall und John Schröder wohnenim Jazz,
arbeiten im freien Klang und stöbern im Rock. Als der Rote
Bereich treten sie seit 1992 auf, haben drei Alben veröffentlicht
und besteigen nun die großen Bühnen. Anzuzeigen ist die
Wiederauferstehung von Trio im Geiste des Jazz. Wie Remmler/Krahwinkel/Behrens
reduzieren sie die schweren Themen auf ihren Kern, minimalisieren
erdrückende Traditionen mit Neuer Deutscher Frische. Und zum
Glück gibt es nichts zu lachen: Entweder bleibt die Haltung
gegenüber dem ironisierten Material ernsthaft, oder die leichte
Haltung relativiert das hehre Material.
Zwei Seiten: Die Bassklarinette stammelt nervöse Töne
überpsychodelische Drehorgelklänge der Gitarre und das
leichtfüßige Schlagzeug, oder sie suchen im Klangwald
nach verloren gegangenen Rhythmen und Melodien. Kaum zeigen sie
sich, sind sie schon wieder weg, bis dann am Ende Love me Tender
erklingt. Schön, aber das hatte man die Melodie schon gar nicht
mehr vermisst (ACT 9286, Vertrieb Edel).
"Verzinkter Hund" meint im bayerischen Sprachgebrauc jenen Mischung
aus unberechenbarm Querdenken und anarchischer Schläue - Künstler
wie Dieter Brenningen, Thomas Kapielski oder Eugene Chadbourne spielen
in dieser Klasse. Dass die beiden Franken Möbus und Mahall,
jetzt in der Hauptstadt ansässig, sich als Berlin Band verstehen,
ist im Sine dieses trockenen Frankenhumors zu sehen. Man darf annehemen,
sie können nicht anders.
Vielleicht ist dies das Verbüffendste am Roten Bereich: wie
selbstverständlich und alltäglich sie das Außergewühnliche
präsentieren. Rhythmuswechsel als natürliche Brüche,
süße Melodien, gefühlvoll gezupft, gewischt und
geblasen, mit leichten Verrückungen gespeilt, die kühle
Kammermeusik eines Jimmy Giuffre ebenso im Blut wie die Kraft des
bassgetränkten Sounds von Cream. Es geht voran.
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Werner Burkhardt
in: Süddeutsche Zeitung
28. Februar 2001
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Jazz Zweifach
Was
sich da im "Roten Bereich" abspielt, erkundet Grenzbezirke, setzt
sich allen Gefahren des Unvorhersehbaren, Unerhörten aus, entwickelt
dabei eine schöne Scheu vor dem Niemandsland, durch das der
Mainstream sich schlängelt. Zwei der Musikanten, Frank Möbus
und der Bassklarinettist Rudi Mahall waren schon dabei, als die
Gruppe - ursprünglich ein Quintett - 1992 in Nürnberg
gegründet wurde. Später in Berlin trafen sie den Schlagzeuger
John SChröder. Die drei Musiker begaben sich auf die Reise.
Sie taten das festen Schrittes, ohne sich durch die kammermusikalische
Besetzung zu bleichem Feinsinn verführen zu lassen. Mit rabiaten
Bebop-Riffs eröffnen sie, geben aber sehr schnell zu verstehen,
dass Kraftmeierei auf ausgetretenen Pfaden nicht ihr Ding ist. Sie
sind Verwirrspieler, die mit schwarzhumoriger Trockenheit dem Höhrer
Fallen stellen und lustvoll zerstören, was sie gerade noch
wie etwas gesichertes aufgebaut haben. Doch seltsam: Der Elan schmeckt
nicht nach Negativität, sondern klingt wie ein Ruf nach Freiheit,
wie ein Bekenntnis zum Unbändigen der Phantasie.
Dabei haben sie durchaus Sinn für Proportionen, wissen genau,
wie lange ein Stück sein darf und dass man Piecen mit Titeln
wie "Lusitge Triole" und "Das geht doch nicht" durch ausufernde
Improvisation meucheln würde. Nicht zuletzt saugen sie Honig
aus dem, was als Manko erscheint: Das Fehlen des Basses.
Mal täuscht die Gitarre einenen Walking Bass an. Mal zitiert
die Bassklarinette Figuren der Tailgate-Posaune aus dem Eozän
des New Orleans Jazz. Manchmal groovt scheinheilig so etwas wie
ein Soul Walzer um die Ecke, und dann plötzlich ist der Teufel
los. Dann wieder hängen Schlüsse wie Fragezeichen in der
Luft. Über allem liegt ein Hauch des just noch gemeisterten
Chaos, und immmer haben die drei einen Sinn. Manchmal zwei.
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Tim Gerbauch
in: Frankfurter Rundschau
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Die Garagenkapelle
Der rote Bereich fängt dort an, wo das Normalverträgliche
endet und das Kritische beginnt. Lange kann man sich nicht in ihm
aufhalten, Defekte drohen, Schmerzen, Verletzungen. Musikalisch
erfüllt der rote Bereich also das Klischee des Free Jazz, überhitzt,
grenzenlos, ohne Limit. Aber den Free Jazz gibt es nicht mehr, und
der rote Bereich des Jahres 2001 klingt gar nicht mehr wild und
laut und gefährlich, sondern vor allem: cool. Grenzenlos ist
er nur noch in dem Sinn, dass er die Theorien der Postmoderne kennt
und sich aus allen Genres bedient, die er für gut befindet:
die Geschichte des Jazz, Pop und Rock als ein großer, zu jeder
Zeit abrufbarer Fundus. Alles ist Zitat, die Gesten sind geliehen.
Neu ist nur die Verknüpfung. Aber was heißt hier nur?
Der Rote Bereich, ein Berliner Jazztrio aus Bassklarinette, Schlagzeug
und Gitarre, zwingt zusammen, was nicht zusammengehört. Nichts
passt, kaum etwas verzahnt sich von selbst. Aber aus den verqueren
Klängen ihrer Einzelstimmen baut sich etwas zusammen, von dem
viele meinen, dass es nur in Berlin entstehen könne. Ein nach
allen Seiten hin offener Sound, der nichts Glattes kennt, der Tiefe
hat, ohne dafür Pathos zu bemühen, der kunstvoll ist und
doch klingt, als käme er aus der nächsten Garage. Street
credibility würde man so etwas im HipHop nennen. Im Jazz gibt
es dafür keinen Namen. Authentizität vielleicht?
Ein großes Wort. So groß, dass es eigentlich nicht passt,
zu der Leichtigkeit, die aus ihrem Spiel tönt, zu dem lächelnden
Blick, mit dem sie ihr Treiben betrachten. Rudi Mahall, John Schröder
und Frank Möbus wollen nichts Großes schaffen. Sie wollen
nur Musik machen, wie das Leben sein sollte: quer, cool, offen,
leicht und immer groovy. Dabei finden sie ihren eigenen Rhythmus
und ihren eigenen Ton wie kaum eine zweite deutsche Jazzcombo. Und
auch wenn vor zwei, drei Jahren manches noch subversiver klang,
noch schräger und Rudi Mahall noch etwas mehr tanzte auf der
Bühne, sind die drei Berliner mit das Schönste, was man
derzeit im Jazz hören kann. Und das nicht nur, weil sie für
ihre neue CD das Lied der Lieder covern: Love me tender.
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Markus Mayer
in: Süddeutsche Zeitung
17./18. Februar 2001
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Kunstvolles Chaos
Das muss man gesehen haben: Wie Rudi Mahall, ein Chaplin an der
Bassklarinette, und Gitarrist Frank Möbus, beide in schwarze
Vatermörder Anzüge gewandte Träger von langen Kindsmörderkotelleten,
hochkonzentriert und mit viel Vergnügen in einen zu kurzen
Notenständer hinein rocken - während John Schröder
mit vermeintlich genervtem Blick am Schlagzeug sekundiert, hin und
wieder überrascht von den eigenen Kommentaren. Der Roter Bereich
ist nicht nur theatral begabt, er hat auch etwas zu sagen, und das
tut er mit unverwechselbarem Sound.
Möbus und Mahall haben die Gruppe zu Begin der Neunziger in
Nürnberg gegründet. Damals agierte man noch als Quintett,
eher konventionell besetzt, mit Bass und zusätzlichem Bläser.
Dann zogen die beiden nach Berlin und ließen nur noch Schlagzeuger
Schröder an ihren Expeditionen in das Ungewisse teilnehmen.
Spätestens seit der Gesundschrumpfung auf das Trio geht es
bergauf. Das gut aufeinander eingespielte Ensemble konzertiert mittlerweile
in Afrika, in der New Yorker Knitting Factory und eben in der voll
besetzten Unterfahrt.
Die drei sind offensichtlich von Pop, Punk und Rock ebenso geprägt
wie von Jazz und 12 Ton Musik, allerdings kommen sie ohne weihevollen
Coltrane Gestus aus, ohne das uninspirierte, ellenlange Gedudel,
das Jazzer in vollkommener Selbstüberschätzung gerne zelebrieren.
Weniger ist eben mehr, nicht nur besetzungstechnisch, sondern auch
inhaltlich. Durch die unkonventionelle Instrumentierung werden die
üblichen Soundklischees vermieden, Möbus bittersüße
Balladen klingen fragil und unkitschig, seine Akkordzerlegungen
sind auf das Wesentliche reduziert.
Die druckvollen Improvisationen sind knapp, von äußerster
Präzision und liegen sozusagen stets 'im roten Bereich'. Der
hohe Grad der Reflexion, die diesen elektro-akustischen Kunststücken
zu Grunde liegt, ist immer spürbar, auch gerade wenn hingerotzte
Power- Akkorde verträumte Tonsetzerein konterkarieren, wenn
kunstvoll inszeniertes Chaos komplett durchkomponierte Hinterfotzigkeiten
ablöst oder Stücke unvermittelt offen enden. Cartoonhafte
Titel wie "Heino und Hannelore" oder "Ein Tag im Leben des jungen
L." tun ein übriges. Frisch, frech und nicht unterfordernd.
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Herbert Lindenberger
in: Stuttgarter Zeitung
17. Februar 2001
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Avantgardetrio
Jazz in der Dieselstraße
Was will uns das Avantgardetrio Der Rote Bereich mit seinem Titel
signalisieren ? Nun, die Halt gebietende Ampel ist nicht gemeint
und auch nicht der sinnliche Freuden verheißende Rotlichtbereich,
sondern die Übersteuerungszone am Display des Aufnahmegeräts.
Das trifft' s denn auch: die Musik ist jenseits des maßvoll
Ausgewogenen und sauber Gekämmten.
Schon die Titel der Stücke befremden: "50000 kleine Wichtigtuer",
"Lustiger Tiroler", Chemischer Urlaub". Und dann geht's los: punkig
schroff kommen die Einwürfe der Gitarre, aggressiv verhaspeln
sich die Töne aus der Bassklarinette, und - immerhin - motorisch
und gut geerdet sorgt das Schlagzeug für den verbindenden Kitt.
Die Themen sind koboldhaft bizarr, oft verkürzt bis ins Stenographische,
sodass die motivische Auslegung in der Improvisation kaum möglich
ist. Die abrupten Anfänge und Schlüsse sowie die rhythmisch
gegenläufigen Akzente zeigen an, dass man den Repertoirejazz
der Standards und Songs endgültig in die Wüste geschickt
hat. Irrlichternd zwischen der Orientierung an Vorbildern wie Eric
Dolphy und Marc Ducret und der Lust an der Desorientierung, schlagen
Rudi Mahall, Frank Möbus und John Schröder die Brücke
zwischen der New Yorker Knitting Factory und Berlin Mitte. Ja, das
ist er, der Jazz, vor dem uns unsere Väter immer gewarnt haben!
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Kai Müller
in: Tagesspiegel
20. Februar 2001
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Balladen sind wie verpasste U-Bahnen
Das Berliner Jazz-Trio 'Der Rote Bereich' ist mit seiner 'seltsamen
Musik'
auf dem Weg zur Weltspitze
Zum Auftakt eine Ballade. Ein gedämpfte Dreiklänge zerlegte
Gitarrenakkorde geben den Ton an - Blues. Oder etwas ähnliches.
So genau ist das nicht auszumachen. Die Bassklarinette setzt mit
der Melodie ein, eine zarte, einfache Figur. Sie schlägt den
entgegengesetzten Weg ein zum Licht. Es folgen in kurzer Abfolge
zwei Soli, dann wird die Band plötzlich still. Eine Pause,
denkt man und wartet auf die Wiederholung des Themas. Aber es kommt
nicht. Stattdessen setzt das nächste Stück ein. Eine raue,
verschachtelte Rocknummer, die - aber das ist nicht so wichtig.
Wer würde zum Auftakt eine Ballade spielen ?
Balladen sind wie verpasste U-Bahnen. Die nächste kommt bestimmt,
aber bis es soweit ist, hat man Gelegenheit, nachzudenken. Auch
Frank Möbus wartet gerne, bevor er Antworten gibt. Meist sagt
er Worte wie "Ja" und "Richtig!". Aber nur, um danach lange gar
nichts zu sagen. Mit "Love Me Tender !" (ACT) hat der in Berlin
lebende Gitarrist jetzt sein Debüt Album vorgelegt. Eine schöne
Platte, die süß beginnt - "fast zu süß", wie
er findet, und in einer siebenminütigen Kollektivimprovisation
ausklingt. Am Ende ebbt sie einfach ab. Aber das kennen wir schon
. Denn die Zusammenarbeit von Möbus, Rudi Mahall an der Bassklarinette
und John Schröder am Schlagzeug funktioniert nach dem Prinzip:
"Wir spielen Songs, über die wir die Kontrolle verlieren".
Einen solchen Satz kriegt man zu hören, wenn Möbus lange
genug geschwiegen hat.
Unter dem Namen Der Rote Bereich erregte das Trio in den letzten
Jahren zunehmend Aufsehen. Es wurde 1999 zum New York Bell Atlantic
Festival eingeladen und spielte bei den Berliner Jazzfest, es hat
drei CDs veröffentlicht und mit jeder sein unverkennbares Idiom
erweitert. Zuletzt um das Balladeske. Denn Möbus, Mahall und
Schröder neigen eigentlich zu ruppigen, kubistisch aufgefalteten
Kurz-Stücken, die skizzenhaft Bebop Themen mit verspielten
Funk-Rhythmen verknüpfen und dabei als basslose Band ständig
um ein leeres Zentrum kreisen. Obwohl die drei Musiker als wichtigste
Vertreter des deutschen Avantgarde Jazz gelten, nennt Schröder
sie "Eine ziemlich konventionelle Band". Die Form wird nie ganz
aufgegeben. Und tatsächlich gibt es immer einen, der sich als
Rhythmusgeber versteht.
Der Rote Bereich wurde 1992 von Möbus und Mahall in Nürnberg
gegründet. Zunächst war die Band ein Quintett, dem auch
das New Yorker Wunderkind Jim Black angehörte. Möbus hat
den jungen Ausnahme Drummer während seines Studiums an der
Berklee School of Music in Boston kennen gelernt und in seine Heimat
mitgenommen. Sie bezogen ein Haus in der fränkischen Schweiz
und waren überzeugt, dass sie mit ihrer "seltsamen Musik" (Möbus)
sofort berühmt werden würden. Stattdessen waren sie bald
pleite. Black wollte nach Brooklyn zurück, und Möbus ging
nach Berlin. Erst hier erhielt die Band durch John Schröder
ihr Gesicht. Der Multiinstrumentalist, den Möbus auch ohne
Koketterie auch für den besseren Gitarristen hält, bildet
das Bindeglied zwischen dem in südländische Stimmungen
verliebten Romantiker Möbus und dem zur freien Improvisation
drängenden Mahall. Schröder, ein Autodidakt, der siet
seinem 15. Lebensjahrprofessionell Musik macht, hält sich kaum
an ausgespielt Rhytmen, sondern bricht die Melodien auf, unterläuft
und zerzaust sie. Auch er hatte sich wie Möbus zunächst
eingehend mit den Traditionen des Modern Jazz beschäftigt,
bevor er sich der freieren Spielweise zuwandte. Rudi Mahall, der
aus Nord-Nürnberg stammt und den etwas von der rätselhaften
Entrückung eines Genies umgibt, ging einen anderen Weg. Er
experimentierte jahrelang mit freier Musik, mit der vollkommenen
Bindungslosigkeit. So entwickelte er ein untrügliches Gespür
für komplexe Stimmungen und eine Abneigung gegen ein notenreiches
Geschwätz.
Möbus ist stolz darauf, dass Der Rote Bereich heute Material
beliebiger Herkunft aufgreifen und in seine Spielweise integrieren
kann. Auch eine Schnulze wie Presleys "Love Me Tender", die Möbus
neu harmonisiert hat. Während er sich langsam an das Thema
herantastet, grummelt, stöhnt, zwitschert und keift Mahalls
Bassklarinette in sämtlichen Lagen. Es klingt wie ein Gänseschwarm,
kurz bevor er nach Süden aufbricht In mancherlei Hinsicht beschriebt
das Stück die Ambivalenz von Enge und Befreiung am besten,
die den Roten Bereich antreibt. Denn so sehr sich die Musiker der
inneren Logik des Materials auch entwinden wollen, sie kehren doch
immer wieder zurück, bleiben dem harmonischen Kraftkern der
Stücke verbunden, die 'Franken global', 'Chemischer Urlaub'
oder 'Berlin/Mitte' heißen. Dort in Berlins Mitte wohnt Möbus
auch. Nachts erstrahlt sein Wohnzimmer im türkisen Licht des
angrenzenden Stadtbads, auf dessen Becken er hinabschaut. Dass die
Musik der Band nur in diesem Umfeld voller Gegensätze sich
entfalten kann, davon ist Möbus überzeugt. Obwohl sich
jeder mit Kompositionen am Repertoire der Band beteiligt und die
Stücke ohnehin aus einem Wechselspiel hervorgehen, erscheint
'Love Me Tender' unter Möbus Namen. Das habe vor allem organisatorische
Gründe, erklärt er. Wobei er einräumt, dass es 'einfach
besser funktioniert', wenn einer sich verantwortlich führt.
Ein anderer Grund ist, dass der Chef des ACT Platten Labes Siggi
Loch, davor zurückschreckte, eine Band unter vertrag zu nehmen,
So bot er Möbus eine auf vier Platten angelegte Zusammenarbeit
an. Befürchtungen, dass ich durch diese Asymetrie auch der
künstlerische Dialog verzerren könnte, hält Möbus
für unbegründet. Der Rote Bereich funktioniere auch noch
nach einem anderen Prinzip, sagt er. Man könnte es das Luft-in-der-Musik-Prinzip
nennen: 'Ein Instrument wird gespielt, um ein anderes besser klingen
zu lassen'.
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Thomas Fitterling
in: rondo
Magazin
4.7.2002
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Rondo archiv, Jazzkritiken
Risky Business
Die Szene Berlin ist mächtig angesagt. Und wie es sich für
aufregende Städte gehört, sind es auch hier die Exilanten
aus der Provinz, die das wilde Gemenge zubereiten, aus dem sich
mit energetischen Reaktionen neue Stoffe synthetisieren. Der Rote
Bereich um den Gitarristen Frank Möbus ist so eine Energiezone.
Sie arbeitet mit Affinitätsbeschleuniger. So kommt jetzt neben
den beiden Stamm-Musikern - neben Möbus der Klarinettist Rudi
Mahall - auch der dritte Bereichs-Vertreter aus Nürnberg: Er
ist fünfundzwanzig Jahre jung, heißt Oliver Bernd Steidle
und bedient das Schlagzeug.
Wie schon auf der Vorgänger-CD "Love Me Tender" (siehe
Rezension) besticht das risikofreudig offene Triokonzept der Gruppe,
die auf einen Bass verzichtet und dafür die Möglichkeiten
von Gitarren-Loops nutzt. So bleibt der Kontrast von Rudi Mahalls
Bassklarinette mit den angeschrägten Möbus-Gitarrensounds
im spröden Bereich. Alle drei schrecken hier ganz und gar nicht
vor elegischen Balladenklängen zurück - doch die kommen
nicht als Elegien daher: In rauer Prosa werden die Geschichten erzählt,
die es nicht nötig haben, hemdsärmlig Gegen-den-Strich-Bürster
zu mimen, um unsentimental wahres Gefühl zu zeigen.
Die drei Herren aus dem Land mit der kernigen Aussprache pflegen
auch eine Vorliebe für überkandidelt spielerisch Verqueres.
Da laufen unterschiedliche Metren gegeneinander, und doch klingt
nichts bemüht, quicklebendig tänzelt die Musik, macht
mal hüh und hopp oder schlenzt hipp hipp und hott ums Eck.
Der Rote Bereich ist mit seinem "Risky Business" mehr
denn je das Beste, was dem deutschen Jazz widerfahren konnte.
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KulturSPIEGEL
August 2002
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Der Spiegel
Risky Business
Wer Kompositionen Mein Sportheim oder Ich
geh zur Polizei nennt, ist offensichtlich alles andere
als bierernst. Und so klingt auch die Musik dieses Trios infernal
aus Gitarre (Möbus), Bassklarinette (Rudi Mahall) und Schlagzeug
(O. B. Steidle): witzig, schräg und dabei kunstvoll inszeniert.
Schon werden die drei Berliner als 'wichtigste Vertreter des deutschen
Avantgarde-Jazz gefeiert. Wunderbar, wenn Neues so unangestrengt
daherkommt.
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www.intro.de
24.07.2002
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Intro
Plattenkritik
We
never solo, we always solo! hat Joe Zawinul einmal den Sound
von Weather Report beschrieben. Um zu hören, was solch ein
Satz bedeuten kann, muss man nur mal in das erstaunliche zweite
Album von Frank Möbus Der Rote Bereich reinhören. So kompakt,
wie dieses Trio (Gitarre, Bassklarinette, Schlagzeug) hier miteinander
arbeitet, ist es in der Tat ein riskantes Unterfangen. Die Musiker
wechseln mitunter zwar Genre und Tonart, halten aber über die
gesamte Strecke des Albums die unglaubliche Intensität ihres
Zusammenspiels: Freie Improvisation meets Postrock in outer space.
Teilweise musizieren die drei in einem Track zu drei unterschiedlichen
Metren, mitunter wirft Gitarrist Frank Möbus einen klitzekleinen
Brocken Rock in die Runde. Durch den Klang der Bassklarinette geraten
die etwas weniger nervösen Tracks in die Nähe des kammermusikalischen
Jazz der Jimmy Guiffre 3. Schlicht atemberaubend dann die letzten
14 Minuten des Albums mit dem Titelstück als hidden bonus
track: Bassklarinetten und E-Gitarre schlieren nebeneinander
ins Ziel - reine, abstrakte Soundwolken.
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Alex Rühle
in: Süddeutsche Zeitung
vom 26.7.2002
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Hör mir uff mit Portugal!
Das Jazz-Trio Der Rote Bereich betreibt ein Risky
Business
Wie
doch die Zeit vergeht: Aus Spaß wurde Ernst; dieser Tage wird
Ernst nun schon zehn Jahre alt. Damals, im Sommer 1992, schoben
der Gitarrist Frank Möbus und der Bassklarinettist Rudi Mahall
zum ersten Mal sperrige Jazzskalen und Zwölftonmuster, Hardrocktrash
und sanft schillernde Popzitatezu einer musikalischen Einführung
in das Wesen der Ironie zusammen. Der Rote BereichI
nannten die beiden ihr Klangforschungsergebnis, eine CD, die so
verschroben und frisch klang, dass sich Möbus und Mahall ihrer
weltweiten Instantberühmtwerdung ganz sicher waren.
Daraus wurde dann erst mal nichts, das Treiben des Roten Bereichs
war für die Charts viel zu verkantet und roh und unterlief
mit seinen Themen, die wie eine Art musikalischer Zauberwürfel
alle paar Takte von Bebop in Hardrock in Swing kippten, alle Hörgewohnheiten.
Musikalisch schließt Der Rote Bereich am ehesten an Ornette
Colemans Freejazz an. Coleman hatte bei seinem Treiben freilich
immer auch etwas Hohepriesterliches an sich: Ich aber, Ornette,
gebe Euch nun den freien Klang der episch ausladenden Improvisation.
Stets folgten dann Tonnen von Tönen, bei denen man sich irgendwann
fragte: Hört der überhaupt noch, was er da spielt?
Die Musik aus dem Roten Bereich klingt eher, als bekifften sich
Ornette Coleman und Fred Frith freundlich miteinander. Nicht dass
diese Musik Klamauk wäre, dafür klingen schon Möbus
Themen oftmals zu sehnsüchtig und melancholisch. Der Rote Bereich
ist Unterhaltung im besten Sinne, kein kichriger Quatsch, sondern
Fülle des Wohllauts, Musik, die sich selbst nicht zu ernst
nimmt. Allem Connaisseursgehabe stehen Möbus/Mahall grundsätzlich
skeptisch gegenüber: Der letzte Titel auf Der Rote Bereich
III heißt ganz lakonisch Konäsörs.
Ein Tag im Leben des jungen L., Chemischer Urlaub,
50000 kleine Wichtigtuer, Hemdendienst Blues Minus
One, eine kleine sekunde vor 4 schon für
die Titel ihrer Stücke möchte man Möbus und Mahall
küssen und kosen, für all diese schrägen Vignetten,
funkelnd wie die Überschriften der Kolumnen von Max Goldt.
Die Musik des Roten Bereichs gleicht selbst Kolumnen, humorvollen
musikalischen Randbemerkungen: Möbus und Mahall skizzieren
Dinge an, um sie dann gleich wieder durchzustreichen.
Wir spielen Songs, über die wir die Kontrolle verlieren,
hat Möbus einmal gesagt. In Mein Sportheim, dem
Eingangsstück der neuen CD Risky Business (ACT
9407-2), laufen zwei Metren gegeneinander. Rudi Mahall fügt
ein drittes hinzu. Dann schießt der Dialog zwischen Möbus
und Mahall quecksilbrig hin und her, ein angeregtes Gespräch
zwischen Neutrino und Elektron über die Gegebenheiten in einem
Atom, fragile Fraktale, die nicht zur Ruhe kommen.
Möbus und Mahall bilden auch nach zehn Jahren noch den Nukleus
der Gruppe, die in Nürnberg als Quintett begann und heute als
Trio mit Oliver Steidle am Schlagzeug in Berlin lebt.
Es gibt dort mittlerweile ein Rhizom aus vier, fünf Bands,
in denen die drei mitwirken: Carlos Bicas Azul, Erdmann 2000, Günter
Adler... Ansonsten gibt es in Deutschland wohl nur Le petit chien,
die Formation um den Münchner Gitarristen Gunnar Geisse, die
ähnlich zwischen ironischer Klangvernichtung und melancholisch
melodischer Improvisation hin und her pendelt.
Tinnitus und Quecksilber
Da staksen pentatonische Muster durch die Gegend, ein Möbussches
Band kreist in ungeradem Rhythmus, der permanent vornüber zu
kippen droht und die drei durch den Supermarkt der Musikgeschichte
vor sich herjagt. Im Vorüberhasten holen die drei dort ein
neues, altes Zitat aus dem Regal, hier eine Abwärtsbewegung,
die von ferne an Bachs dorische Orgel-Toccata erinnert, irgendwann
steckt Mahal das Thema in seine Bassklarinette und pustet es in
Überblastechnik in tinnituserzeugende Höhen. Und dann
schauen alle neugierig, was wohl als nächstes passiert.
Vielleicht ist die Musik im Roten Bereich auch deshalb so lebendig,
weil das Trio ohne Bass spielt: Jeder der drei Musiker kann im permanenten
Wechsel die Funktion desjenigen, der das Spiel zusammenhält,
übernehmen.
Manchmal kommt man sich beim Hören des Roten Bereichs vor wie
bei einem Diaabend, bei dem die Bilder zu schnell durchlaufen: Kaum
erkennt man das Motiv, schon ist da was völlig anderes zu sehen.
Möbus kann ganz in sich gekehrte Themen anspielen, traumverloren
geht das los, aber bevor die Tiefe ins Pathos abrutschen könnte,
poltert Mahalls Klarinette dazwischen. In Portugal etwa,
dem dritten Titel auf Risky Business, spielt Möbus
ein abwärts führendes Thema, verträumt wie Mandolinen
im Orangenhain. Nach ein paar Takten rüpelt Mahall dazwischen:
Ach hör mir uff mit Portugal!
Inzwischen ist Der Rote Bereich zwar immer noch nicht weltberühmt,
aber zu den Konzerten des Trios kommt heute ein jugendliches Publikum,
das sich sonst eher selten in die Münchner Unterfahrt
und ähnliche Lokalitäten verirrt. So ist ausgerechnet
Der Rote Bereich im Jazz mittlerweile eine Art Pop-Phänomen,
wozu Rudi Mahalls im Freestyle wuchernde Koteletten und die schwarzen
Flohmarktanzüge der drei Musiker sicherlich das Ihrige beitragen.
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