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Der
Rote
Bereich

10 Jahre DRB Presse&Kritik Bilder mp3 Töne Juli 02: neue CD

Frank
Möbus
Projekte

Der Rote Bereich
Carlos Bica's Azul
Erdmann 2000

   

Kritik
der
Musik

Zu "love me tender":
Konrad Heidkamp (Zeit)
Werner Burkhardt (Süddeutsche Zeitung)
Tim Gerbauch (Frankfurter Rundschau)
Markus Mayer (Süddeutsche Zeitung)
Herbert Lindenberger (Stuttgarter Zeitung)
Kai Müller (Tagesspiegel)
zu "risky business":
Thomas Fitterling (rondo Magazin)
Der Spiegel (KulturSPIEGEL)
intro
Alex Rühle (Süddeutsche Zeitung)

Konrad Heidkamp
in: DIE ZEIT,
1. März 2001

 

Verzinkte Hunde im Jazzformat
 
Für viele war es Liebe auf den dritten Blick. Zuerst wg. Ernst, dann Humor und zuletzt mit todernstem Vergnügen. Ein bisschen verloren stehen die drei im ausverkauften Rolf Liebermann Saal des NDR, zupfen an Schlagzeug, Bassklarinette und Gitarre herum, starten beherzt im freien Jazz-Gestus. Ah - Avantgarde á l'Ornette Coleman, denkt man und liegt schräg daneben. Ein leichtes Schweben plötzlich, lyrische Klänge, die voreinander den Hut zu ziehen scheinen. Ah, kaum hat man sich an die drei gewöhnt, ist man schon verloren.
Frank Möbus, Rudi Mahall und John Schröder wohnenim Jazz, arbeiten im freien Klang und stöbern im Rock. Als der Rote Bereich treten sie seit 1992 auf, haben drei Alben veröffentlicht und besteigen nun die großen Bühnen. Anzuzeigen ist die Wiederauferstehung von Trio im Geiste des Jazz. Wie Remmler/Krahwinkel/Behrens reduzieren sie die schweren Themen auf ihren Kern, minimalisieren erdrückende Traditionen mit Neuer Deutscher Frische. Und zum Glück gibt es nichts zu lachen: Entweder bleibt die Haltung gegenüber dem ironisierten Material ernsthaft, oder die leichte Haltung relativiert das hehre Material.
Zwei Seiten: Die Bassklarinette stammelt nervöse Töne überpsychodelische Drehorgelklänge der Gitarre und das leichtfüßige Schlagzeug, oder sie suchen im Klangwald nach verloren gegangenen Rhythmen und Melodien. Kaum zeigen sie sich, sind sie schon wieder weg, bis dann am Ende Love me Tender erklingt. Schön, aber das hatte man die Melodie schon gar nicht mehr vermisst (ACT 9286, Vertrieb Edel).
"Verzinkter Hund" meint im bayerischen Sprachgebrauc jenen Mischung aus unberechenbarm Querdenken und anarchischer Schläue - Künstler wie Dieter Brenningen, Thomas Kapielski oder Eugene Chadbourne spielen in dieser Klasse. Dass die beiden Franken Möbus und Mahall, jetzt in der Hauptstadt ansässig, sich als Berlin Band verstehen, ist im Sine dieses trockenen Frankenhumors zu sehen. Man darf annehemen, sie können nicht anders.
Vielleicht ist dies das Verbüffendste am Roten Bereich: wie selbstverständlich und alltäglich sie das Außergewühnliche präsentieren. Rhythmuswechsel als natürliche Brüche, süße Melodien, gefühlvoll gezupft, gewischt und geblasen, mit leichten Verrückungen gespeilt, die kühle Kammermeusik eines Jimmy Giuffre ebenso im Blut wie die Kraft des bassgetränkten Sounds von Cream. Es geht voran.
 

Werner Burkhardt
in: Süddeutsche Zeitung
28. Februar 2001

 

Jazz Zweifach
 
 Was sich da im "Roten Bereich" abspielt, erkundet Grenzbezirke, setzt sich allen Gefahren des Unvorhersehbaren, Unerhörten aus, entwickelt dabei eine schöne Scheu vor dem Niemandsland, durch das der Mainstream sich schlängelt. Zwei der Musikanten, Frank Möbus und der Bassklarinettist Rudi Mahall waren schon dabei, als die Gruppe - ursprünglich ein Quintett - 1992 in Nürnberg gegründet wurde. Später in Berlin trafen sie den Schlagzeuger John SChröder. Die drei Musiker begaben sich auf die Reise.
Sie taten das festen Schrittes, ohne sich durch die kammermusikalische Besetzung zu bleichem Feinsinn verführen zu lassen. Mit rabiaten Bebop-Riffs eröffnen sie, geben aber sehr schnell zu verstehen, dass Kraftmeierei auf ausgetretenen Pfaden nicht ihr Ding ist. Sie sind Verwirrspieler, die mit schwarzhumoriger Trockenheit dem Höhrer Fallen stellen und lustvoll zerstören, was sie gerade noch wie etwas gesichertes aufgebaut haben. Doch seltsam: Der Elan schmeckt nicht nach Negativität, sondern klingt wie ein Ruf nach Freiheit, wie ein Bekenntnis zum Unbändigen der Phantasie.
Dabei haben sie durchaus Sinn für Proportionen, wissen genau, wie lange ein Stück sein darf und dass man Piecen mit Titeln wie "Lusitge Triole" und "Das geht doch nicht" durch ausufernde Improvisation meucheln würde. Nicht zuletzt saugen sie Honig aus dem, was als Manko erscheint: Das Fehlen des Basses.
Mal täuscht die Gitarre einenen Walking Bass an. Mal zitiert die Bassklarinette Figuren der Tailgate-Posaune aus dem Eozän des New Orleans Jazz. Manchmal groovt scheinheilig so etwas wie ein Soul Walzer um die Ecke, und dann plötzlich ist der Teufel los. Dann wieder hängen Schlüsse wie Fragezeichen in der Luft. Über allem liegt ein Hauch des just noch gemeisterten Chaos, und immmer haben die drei einen Sinn. Manchmal zwei.
 

Tim Gerbauch
in: Frankfurter Rundschau

 

Die Garagenkapelle
 
  Der rote Bereich fängt dort an, wo das Normalverträgliche endet und das Kritische beginnt. Lange kann man sich nicht in ihm aufhalten, Defekte drohen, Schmerzen, Verletzungen. Musikalisch erfüllt der rote Bereich also das Klischee des Free Jazz, überhitzt, grenzenlos, ohne Limit. Aber den Free Jazz gibt es nicht mehr, und der rote Bereich des Jahres 2001 klingt gar nicht mehr wild und laut und gefährlich, sondern vor allem: cool. Grenzenlos ist er nur noch in dem Sinn, dass er die Theorien der Postmoderne kennt und sich aus allen Genres bedient, die er für gut befindet: die Geschichte des Jazz, Pop und Rock als ein großer, zu jeder Zeit abrufbarer Fundus. Alles ist Zitat, die Gesten sind geliehen. Neu ist nur die Verknüpfung. Aber was heißt hier nur?
Der Rote Bereich, ein Berliner Jazztrio aus Bassklarinette, Schlagzeug und Gitarre, zwingt zusammen, was nicht zusammengehört. Nichts passt, kaum etwas verzahnt sich von selbst. Aber aus den verqueren Klängen ihrer Einzelstimmen baut sich etwas zusammen, von dem viele meinen, dass es nur in Berlin entstehen könne. Ein nach allen Seiten hin offener Sound, der nichts Glattes kennt, der Tiefe hat, ohne dafür Pathos zu bemühen, der kunstvoll ist und doch klingt, als käme er aus der nächsten Garage. Street credibility würde man so etwas im HipHop nennen. Im Jazz gibt es dafür keinen Namen. Authentizität vielleicht?
Ein großes Wort. So groß, dass es eigentlich nicht passt, zu der Leichtigkeit, die aus ihrem Spiel tönt, zu dem lächelnden Blick, mit dem sie ihr Treiben betrachten. Rudi Mahall, John Schröder und Frank Möbus wollen nichts Großes schaffen. Sie wollen nur Musik machen, wie das Leben sein sollte: quer, cool, offen, leicht und immer groovy. Dabei finden sie ihren eigenen Rhythmus und ihren eigenen Ton wie kaum eine zweite deutsche Jazzcombo. Und auch wenn vor zwei, drei Jahren manches noch subversiver klang, noch schräger und Rudi Mahall noch etwas mehr tanzte auf der Bühne, sind die drei Berliner mit das Schönste, was man derzeit im Jazz hören kann. Und das nicht nur, weil sie für ihre neue CD das Lied der Lieder covern: Love me tender.
 

Markus Mayer
in: Süddeutsche Zeitung
17./18. Februar 2001

 

Kunstvolles Chaos
 
  Das muss man gesehen haben: Wie Rudi Mahall, ein Chaplin an der Bassklarinette, und Gitarrist Frank Möbus, beide in schwarze Vatermörder Anzüge gewandte Träger von langen Kindsmörderkotelleten, hochkonzentriert und mit viel Vergnügen in einen zu kurzen Notenständer hinein rocken - während John Schröder mit vermeintlich genervtem Blick am Schlagzeug sekundiert, hin und wieder überrascht von den eigenen Kommentaren. Der Roter Bereich ist nicht nur theatral begabt, er hat auch etwas zu sagen, und das tut er mit unverwechselbarem Sound.
Möbus und Mahall haben die Gruppe zu Begin der Neunziger in Nürnberg gegründet. Damals agierte man noch als Quintett, eher konventionell besetzt, mit Bass und zusätzlichem Bläser. Dann zogen die beiden nach Berlin und ließen nur noch Schlagzeuger Schröder an ihren Expeditionen in das Ungewisse teilnehmen. Spätestens seit der Gesundschrumpfung auf das Trio geht es bergauf. Das gut aufeinander eingespielte Ensemble konzertiert mittlerweile in Afrika, in der New Yorker Knitting Factory und eben in der voll besetzten Unterfahrt.
Die drei sind offensichtlich von Pop, Punk und Rock ebenso geprägt wie von Jazz und 12 Ton Musik, allerdings kommen sie ohne weihevollen Coltrane Gestus aus, ohne das uninspirierte, ellenlange Gedudel, das Jazzer in vollkommener Selbstüberschätzung gerne zelebrieren. Weniger ist eben mehr, nicht nur besetzungstechnisch, sondern auch inhaltlich. Durch die unkonventionelle Instrumentierung werden die üblichen Soundklischees vermieden, Möbus bittersüße Balladen klingen fragil und unkitschig, seine Akkordzerlegungen sind auf das Wesentliche reduziert.
Die druckvollen Improvisationen sind knapp, von äußerster Präzision und liegen sozusagen stets 'im roten Bereich'. Der hohe Grad der Reflexion, die diesen elektro-akustischen Kunststücken zu Grunde liegt, ist immer spürbar, auch gerade wenn hingerotzte Power- Akkorde verträumte Tonsetzerein konterkarieren, wenn kunstvoll inszeniertes Chaos komplett durchkomponierte Hinterfotzigkeiten ablöst oder Stücke unvermittelt offen enden. Cartoonhafte Titel wie "Heino und Hannelore" oder "Ein Tag im Leben des jungen L." tun ein übriges. Frisch, frech und nicht unterfordernd.
 

Herbert Lindenberger
in: Stuttgarter Zeitung
17. Februar 2001

 

Avantgardetrio
Jazz in der Dieselstraße
 
  Was will uns das Avantgardetrio Der Rote Bereich mit seinem Titel signalisieren ? Nun, die Halt gebietende Ampel ist nicht gemeint und auch nicht der sinnliche Freuden verheißende Rotlichtbereich, sondern die Übersteuerungszone am Display des Aufnahmegeräts. Das trifft' s denn auch: die Musik ist jenseits des maßvoll Ausgewogenen und sauber Gekämmten.
Schon die Titel der Stücke befremden: "50000 kleine Wichtigtuer", "Lustiger Tiroler", Chemischer Urlaub". Und dann geht's los: punkig schroff kommen die Einwürfe der Gitarre, aggressiv verhaspeln sich die Töne aus der Bassklarinette, und - immerhin - motorisch und gut geerdet sorgt das Schlagzeug für den verbindenden Kitt. Die Themen sind koboldhaft bizarr, oft verkürzt bis ins Stenographische, sodass die motivische Auslegung in der Improvisation kaum möglich ist. Die abrupten Anfänge und Schlüsse sowie die rhythmisch gegenläufigen Akzente zeigen an, dass man den Repertoirejazz der Standards und Songs endgültig in die Wüste geschickt hat. Irrlichternd zwischen der Orientierung an Vorbildern wie Eric Dolphy und Marc Ducret und der Lust an der Desorientierung, schlagen Rudi Mahall, Frank Möbus und John Schröder die Brücke zwischen der New Yorker Knitting Factory und Berlin Mitte. Ja, das ist er, der Jazz, vor dem uns unsere Väter immer gewarnt haben!
 

Kai Müller
in: Tagesspiegel
20. Februar 2001

 

Balladen sind wie verpasste U-Bahnen
Das Berliner Jazz-Trio 'Der Rote Bereich' ist mit seiner 'seltsamen Musik'
auf dem Weg zur Weltspitze
 
  Zum Auftakt eine Ballade. Ein gedämpfte Dreiklänge zerlegte Gitarrenakkorde geben den Ton an - Blues. Oder etwas ähnliches. So genau ist das nicht auszumachen. Die Bassklarinette setzt mit der Melodie ein, eine zarte, einfache Figur. Sie schlägt den entgegengesetzten Weg ein zum Licht. Es folgen in kurzer Abfolge zwei Soli, dann wird die Band plötzlich still. Eine Pause, denkt man und wartet auf die Wiederholung des Themas. Aber es kommt nicht. Stattdessen setzt das nächste Stück ein. Eine raue, verschachtelte Rocknummer, die - aber das ist nicht so wichtig. Wer würde zum Auftakt eine Ballade spielen ?
Balladen sind wie verpasste U-Bahnen. Die nächste kommt bestimmt, aber bis es soweit ist, hat man Gelegenheit, nachzudenken. Auch Frank Möbus wartet gerne, bevor er Antworten gibt. Meist sagt er Worte wie "Ja" und "Richtig!". Aber nur, um danach lange gar nichts zu sagen. Mit "Love Me Tender !" (ACT) hat der in Berlin lebende Gitarrist jetzt sein Debüt Album vorgelegt. Eine schöne Platte, die süß beginnt - "fast zu süß", wie er findet, und in einer siebenminütigen Kollektivimprovisation ausklingt. Am Ende ebbt sie einfach ab. Aber das kennen wir schon . Denn die Zusammenarbeit von Möbus, Rudi Mahall an der Bassklarinette und John Schröder am Schlagzeug funktioniert nach dem Prinzip: "Wir spielen Songs, über die wir die Kontrolle verlieren". Einen solchen Satz kriegt man zu hören, wenn Möbus lange genug geschwiegen hat.
Unter dem Namen Der Rote Bereich erregte das Trio in den letzten Jahren zunehmend Aufsehen. Es wurde 1999 zum New York Bell Atlantic Festival eingeladen und spielte bei den Berliner Jazzfest, es hat drei CDs veröffentlicht und mit jeder sein unverkennbares Idiom erweitert. Zuletzt um das Balladeske. Denn Möbus, Mahall und Schröder neigen eigentlich zu ruppigen, kubistisch aufgefalteten Kurz-Stücken, die skizzenhaft Bebop Themen mit verspielten Funk-Rhythmen verknüpfen und dabei als basslose Band ständig um ein leeres Zentrum kreisen. Obwohl die drei Musiker als wichtigste Vertreter des deutschen Avantgarde Jazz gelten, nennt Schröder sie "Eine ziemlich konventionelle Band". Die Form wird nie ganz aufgegeben. Und tatsächlich gibt es immer einen, der sich als Rhythmusgeber versteht.
Der Rote Bereich wurde 1992 von Möbus und Mahall in Nürnberg gegründet. Zunächst war die Band ein Quintett, dem auch das New Yorker Wunderkind Jim Black angehörte. Möbus hat den jungen Ausnahme Drummer während seines Studiums an der Berklee School of Music in Boston kennen gelernt und in seine Heimat mitgenommen. Sie bezogen ein Haus in der fränkischen Schweiz und waren überzeugt, dass sie mit ihrer "seltsamen Musik" (Möbus) sofort berühmt werden würden. Stattdessen waren sie bald pleite. Black wollte nach Brooklyn zurück, und Möbus ging nach Berlin. Erst hier erhielt die Band durch John Schröder ihr Gesicht. Der Multiinstrumentalist, den Möbus auch ohne Koketterie auch für den besseren Gitarristen hält, bildet das Bindeglied zwischen dem in südländische Stimmungen verliebten Romantiker Möbus und dem zur freien Improvisation drängenden Mahall. Schröder, ein Autodidakt, der siet seinem 15. Lebensjahrprofessionell Musik macht, hält sich kaum an ausgespielt Rhytmen, sondern bricht die Melodien auf, unterläuft und zerzaust sie. Auch er hatte sich wie Möbus zunächst eingehend mit den Traditionen des Modern Jazz beschäftigt, bevor er sich der freieren Spielweise zuwandte. Rudi Mahall, der aus Nord-Nürnberg stammt und den etwas von der rätselhaften Entrückung eines Genies umgibt, ging einen anderen Weg. Er experimentierte jahrelang mit freier Musik, mit der vollkommenen Bindungslosigkeit. So entwickelte er ein untrügliches Gespür für komplexe Stimmungen und eine Abneigung gegen ein notenreiches Geschwätz.
Möbus ist stolz darauf, dass Der Rote Bereich heute Material beliebiger Herkunft aufgreifen und in seine Spielweise integrieren kann. Auch eine Schnulze wie Presleys "Love Me Tender", die Möbus neu harmonisiert hat. Während er sich langsam an das Thema herantastet, grummelt, stöhnt, zwitschert und keift Mahalls Bassklarinette in sämtlichen Lagen. Es klingt wie ein Gänseschwarm, kurz bevor er nach Süden aufbricht In mancherlei Hinsicht beschriebt das Stück die Ambivalenz von Enge und Befreiung am besten, die den Roten Bereich antreibt. Denn so sehr sich die Musiker der inneren Logik des Materials auch entwinden wollen, sie kehren doch immer wieder zurück, bleiben dem harmonischen Kraftkern der Stücke verbunden, die 'Franken global', 'Chemischer Urlaub' oder 'Berlin/Mitte' heißen. Dort in Berlins Mitte wohnt Möbus auch. Nachts erstrahlt sein Wohnzimmer im türkisen Licht des angrenzenden Stadtbads, auf dessen Becken er hinabschaut. Dass die Musik der Band nur in diesem Umfeld voller Gegensätze sich entfalten kann, davon ist Möbus überzeugt. Obwohl sich jeder mit Kompositionen am Repertoire der Band beteiligt und die Stücke ohnehin aus einem Wechselspiel hervorgehen, erscheint 'Love Me Tender' unter Möbus Namen. Das habe vor allem organisatorische Gründe, erklärt er. Wobei er einräumt, dass es 'einfach besser funktioniert', wenn einer sich verantwortlich führt. Ein anderer Grund ist, dass der Chef des ACT Platten Labes Siggi Loch, davor zurückschreckte, eine Band unter vertrag zu nehmen, So bot er Möbus eine auf vier Platten angelegte Zusammenarbeit an. Befürchtungen, dass ich durch diese Asymetrie auch der künstlerische Dialog verzerren könnte, hält Möbus für unbegründet. Der Rote Bereich funktioniere auch noch nach einem anderen Prinzip, sagt er. Man könnte es das Luft-in-der-Musik-Prinzip nennen: 'Ein Instrument wird gespielt, um ein anderes besser klingen zu lassen'.
 

Thomas Fitterling
in: rondo Magazin
4.7.2002

 

Rondo archiv, Jazzkritiken
Risky Business
 
  Die Szene Berlin ist mächtig angesagt. Und wie es sich für aufregende Städte gehört, sind es auch hier die Exilanten aus der Provinz, die das wilde Gemenge zubereiten, aus dem sich mit energetischen Reaktionen neue Stoffe synthetisieren. Der Rote Bereich um den Gitarristen Frank Möbus ist so eine Energiezone. Sie arbeitet mit Affinitätsbeschleuniger. So kommt jetzt neben den beiden Stamm-Musikern - neben Möbus der Klarinettist Rudi Mahall - auch der dritte Bereichs-Vertreter aus Nürnberg: Er ist fünfundzwanzig Jahre jung, heißt Oliver Bernd Steidle und bedient das Schlagzeug.
Wie schon auf der Vorgänger-CD "Love Me Tender" (siehe Rezension) besticht das risikofreudig offene Triokonzept der Gruppe, die auf einen Bass verzichtet und dafür die Möglichkeiten von Gitarren-Loops nutzt. So bleibt der Kontrast von Rudi Mahalls Bassklarinette mit den angeschrägten Möbus-Gitarrensounds im spröden Bereich. Alle drei schrecken hier ganz und gar nicht vor elegischen Balladenklängen zurück - doch die kommen nicht als Elegien daher: In rauer Prosa werden die Geschichten erzählt, die es nicht nötig haben, hemdsärmlig Gegen-den-Strich-Bürster zu mimen, um unsentimental wahres Gefühl zu zeigen.
Die drei Herren aus dem Land mit der kernigen Aussprache pflegen auch eine Vorliebe für überkandidelt spielerisch Verqueres. Da laufen unterschiedliche Metren gegeneinander, und doch klingt nichts bemüht, quicklebendig tänzelt die Musik, macht mal hüh und hopp oder schlenzt hipp hipp und hott ums Eck. Der Rote Bereich ist mit seinem "Risky Business" mehr denn je das Beste, was dem deutschen Jazz widerfahren konnte.
 

KulturSPIEGEL
August 2002

 

Der Spiegel
Risky Business
 
  „Wer Kompositionen „Mein Sportheim“ oder „Ich geh’ zur Polizei“ nennt, ist offensichtlich alles andere als bierernst. Und so klingt auch die Musik dieses Trios infernal aus Gitarre (Möbus), Bassklarinette (Rudi Mahall) und Schlagzeug (O. B. Steidle): witzig, schräg und dabei kunstvoll inszeniert. Schon werden die drei Berliner als 'wichtigste Vertreter des deutschen Avantgarde-Jazz’ gefeiert. Wunderbar, wenn Neues so unangestrengt daherkommt.“
 

www.intro.de
24.07.2002

 

Intro
Plattenkritik

“We never solo, we always solo!” hat Joe Zawinul einmal den Sound von Weather Report beschrieben. Um zu hören, was solch ein Satz bedeuten kann, muss man nur mal in das erstaunliche zweite Album von Frank Möbus Der Rote Bereich reinhören. So kompakt, wie dieses Trio (Gitarre, Bassklarinette, Schlagzeug) hier miteinander arbeitet, ist es in der Tat ein riskantes Unterfangen. Die Musiker wechseln mitunter zwar Genre und Tonart, halten aber über die gesamte Strecke des Albums die unglaubliche Intensität ihres Zusammenspiels: Freie Improvisation meets Postrock in outer space. Teilweise musizieren die drei in einem Track zu drei unterschiedlichen Metren, mitunter wirft Gitarrist Frank Möbus einen klitzekleinen Brocken Rock in die Runde. Durch den Klang der Bassklarinette geraten die etwas weniger nervösen Tracks in die Nähe des kammermusikalischen Jazz der Jimmy Guiffre 3. Schlicht atemberaubend dann die letzten 14 Minuten des Albums mit dem Titelstück als “hidden bonus track”: Bassklarinetten und E-Gitarre schlieren nebeneinander ins Ziel - reine, abstrakte Soundwolken.

 

Alex Rühle
in: Süddeutsche Zeitung
vom 26.7.2002

 

Hör mir uff mit Portugal!
Das Jazz-Trio „Der Rote Bereich“ betreibt ein „Risky Business“

Wie doch die Zeit vergeht: Aus Spaß wurde Ernst; dieser Tage wird Ernst nun schon zehn Jahre alt. Damals, im Sommer 1992, schoben der Gitarrist Frank Möbus und der Bassklarinettist Rudi Mahall zum ersten Mal sperrige Jazzskalen und Zwölftonmuster, Hardrocktrash und sanft schillernde Popzitatezu einer musikalischen Einführung in das Wesen der Ironie zusammen. „Der Rote BereichI“ nannten die beiden ihr Klangforschungsergebnis, eine CD, die so verschroben und frisch klang, dass sich Möbus und Mahall ihrer weltweiten Instantberühmtwerdung ganz sicher waren.
Daraus wurde dann erst mal nichts, das Treiben des Roten Bereichs war für die Charts viel zu verkantet und roh und unterlief mit seinen Themen, die wie eine Art musikalischer Zauberwürfel alle paar Takte von Bebop in Hardrock in Swing kippten, alle Hörgewohnheiten.
Musikalisch schließt Der Rote Bereich am ehesten an Ornette Colemans Freejazz an. Coleman hatte bei seinem Treiben freilich immer auch etwas Hohepriesterliches an sich: Ich aber, Ornette, gebe Euch nun den freien Klang der episch ausladenden Improvisation. Stets folgten dann Tonnen von Tönen, bei denen man sich irgendwann fragte: Hört der überhaupt noch, was er da spielt?
Die Musik aus dem Roten Bereich klingt eher, als bekifften sich Ornette Coleman und Fred Frith freundlich miteinander. Nicht dass diese Musik Klamauk wäre, dafür klingen schon Möbus’ Themen oftmals zu sehnsüchtig und melancholisch. Der Rote Bereich ist Unterhaltung im besten Sinne, kein kichriger Quatsch, sondern Fülle des Wohllauts, Musik, die sich selbst nicht zu ernst nimmt. Allem Connaisseursgehabe stehen Möbus/Mahall grundsätzlich skeptisch gegenüber: Der letzte Titel auf „Der Rote Bereich III“ heißt ganz lakonisch „Konäsörs“.
„Ein Tag im Leben des jungen L.“, „Chemischer Urlaub“, „50000 kleine Wichtigtuer“, „Hemdendienst Blues Minus One“, „eine kleine sekunde vor 4“ – schon für die Titel ihrer Stücke möchte man Möbus und Mahall küssen und kosen, für all diese schrägen Vignetten, funkelnd wie die Überschriften der Kolumnen von Max Goldt. Die Musik des Roten Bereichs gleicht selbst Kolumnen, humorvollen musikalischen Randbemerkungen: Möbus und Mahall skizzieren Dinge an, um sie dann gleich wieder durchzustreichen.
„Wir spielen Songs, über die wir die Kontrolle verlieren“, hat Möbus einmal gesagt. In „Mein Sportheim“, dem Eingangsstück der neuen CD „Risky Business“ (ACT 9407-2), laufen zwei Metren gegeneinander. Rudi Mahall fügt ein drittes hinzu. Dann schießt der Dialog zwischen Möbus und Mahall quecksilbrig hin und her, ein angeregtes Gespräch zwischen Neutrino und Elektron über die Gegebenheiten in einem Atom, fragile Fraktale, die nicht zur Ruhe kommen.
Möbus und Mahall bilden auch nach zehn Jahren noch den Nukleus der Gruppe, die in Nürnberg als Quintett begann und heute als Trio – mit Oliver Steidle am Schlagzeug – in Berlin lebt. Es gibt dort mittlerweile ein Rhizom aus vier, fünf Bands, in denen die drei mitwirken: Carlos Bicas Azul, Erdmann 2000, Günter Adler... Ansonsten gibt es in Deutschland wohl nur Le petit chien, die Formation um den Münchner Gitarristen Gunnar Geisse, die ähnlich zwischen ironischer Klangvernichtung und melancholisch melodischer Improvisation hin und her pendelt.

Tinnitus und Quecksilber

Da staksen pentatonische Muster durch die Gegend, ein Möbussches Band kreist in ungeradem Rhythmus, der permanent vornüber zu kippen droht und die drei durch den Supermarkt der Musikgeschichte vor sich herjagt. Im Vorüberhasten holen die drei dort ein neues, altes Zitat aus dem Regal, hier eine Abwärtsbewegung, die von ferne an Bachs dorische Orgel-Toccata erinnert, irgendwann steckt Mahal das Thema in seine Bassklarinette und pustet es in Überblastechnik in tinnituserzeugende Höhen. Und dann schauen alle neugierig, was wohl als nächstes passiert.
Vielleicht ist die Musik im Roten Bereich auch deshalb so lebendig, weil das Trio ohne Bass spielt: Jeder der drei Musiker kann im permanenten Wechsel die Funktion desjenigen, der das Spiel zusammenhält, übernehmen.
Manchmal kommt man sich beim Hören des Roten Bereichs vor wie bei einem Diaabend, bei dem die Bilder zu schnell durchlaufen: Kaum erkennt man das Motiv, schon ist da was völlig anderes zu sehen. Möbus kann ganz in sich gekehrte Themen anspielen, traumverloren geht das los, aber bevor die Tiefe ins Pathos abrutschen könnte, poltert Mahalls Klarinette dazwischen. In „Portugal“ etwa, dem dritten Titel auf „Risky Business“, spielt Möbus ein abwärts führendes Thema, verträumt wie Mandolinen im Orangenhain. Nach ein paar Takten rüpelt Mahall dazwischen: Ach hör mir uff mit Portugal!
Inzwischen ist Der Rote Bereich zwar immer noch nicht weltberühmt, aber zu den Konzerten des Trios kommt heute ein jugendliches Publikum, das sich sonst eher selten in die Münchner „Unterfahrt“ und ähnliche Lokalitäten verirrt. So ist ausgerechnet Der Rote Bereich im Jazz mittlerweile eine Art Pop-Phänomen, wozu Rudi Mahalls im Freestyle wuchernde Koteletten und die schwarzen Flohmarktanzüge der drei Musiker sicherlich das Ihrige beitragen.